Seit einigen Jahren gestalte ich zum Jahreswechsel ein Lesezeichen mit mir wichtigen Zitaten sowie eigenen Fotos aus dem Pflanzen- und Tierreich. Hier nun Fotos und Zitate des Lesezeichens zum Jahreswechsel 2020/21.
Das erste Zitat unterstreicht die überall zu beobachtende Vielfalt und Diversität, sei es in der Natur oder in der Gesellschaft. Es gefällt mir auch, weil dort die Bibliothek auftaucht und damit verbunden auch das Kombinatorische, was ich bei Wilhelm Ostwald (ein anderer Aufsatz in Englisch) näher betrachtet habe und was ich gerne auch mit Jorge Luis Borges und seiner Bibliothek von Babel zusammenbringe.
„[… W]er sind wir denn, wer ist denn jeder von uns, wenn nicht eine Kombination von Erfahrungen, Informationen, Lektüren und Phantasien? Jedes Leben ist eine Enzyklopädie, eine Bibliothek, ein Inventar von Objekten, eine Musterkollektion von Stilen, worin alles jederzeit auf jede mögliche Weise neu gemischt und neu geordnet werden kann.“
(Italo Calvino: Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend. München: Hanser, 1991, S.165)
Das zugehörige Bild zeigt die sogenannte Ochtmisser Wiese bei Lüneburg. Teile davon sind eine selten gewordene Trockenrasenwiese. Flora und Fauna auf ihr sind bedroht durch eine seit Jahren geplante Ausdehnung des benachbarten Sportplatzes und durch falsch verstandene Ausgleichsmaßnahmen für Baugebiete in Lüneburg, in deren Rahmen vorhandene Natur oft zerstört wird, um „künstliche Natur“ zu schaffen.
Der Kleine Feuerfalter rechts ist auch auf dieser Wiese zu finden, während der Gewöhnliche Scheckenfalter in der Nähe von Lüneburg bei Echem aufgenommen wurde.
„Die Tat-Sachen sehnen sich nämlich ganz tief nach den Zu-Tun-Sachen.“
(Aus einem Text zum Philosophen Ernst Bloch (1885 – 1977) in: Wilser, A., Gerstner, S., & Streiter, B.: Ein naturphilosophischer Spaziergang durch die Jahrhunderte : der Naturpoesiegarten Burg Lenzen/Elbe. Lenzen: Trägerverbund Burg Lenzen (Elbe), Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Branden-burg, 2018, S. 18)
Dieses Zitat, gschrieben in einem Text über einen meiner Lieblingsphilosophen, spielt für mich auf die Diskussion um Tat-Sachen an, etwa beim Thema Fake News. Es weist zudem auf die für mich paradoxe Situation beim Thema Klimawandel hin, dass zum Thema schon genug Tatsachen, Publikationen usw. veröffentlicht sowie politische Statements zu dringend notwendigen Handlungen, um die Klimakrise vielleicht noch zu bewältigen, verabschiedet wurden, ohne dass greifbare Veränderungen sichtbar werden.
Dieses Tun im Zitat verbunden mit dem Klimawandel wird illustriert durch drei unterschiedliche Arten von Wildbienen, die insgesamt wie fast alle Insekten in ihrer Existenz stark gefährdet sind, von links nach rechts, eine Blattschneiderbiene (wahrscheinlich eine Bunte Blattschneiderbiene Megachile versicolor oder eine Rosen-Blattschneiderbiene Megachile centuncularis), eine Bauchsammlerbiene, wahrscheinlich eine Gewöhnliche Löcherbiene Heriades truncorum und eine Mauerbiene, entweder die Gehörnte Mauerbiene Osmia cornuta oder die Rote Mauerbiene Osmia bicornis. Die Fotos stammen aus dem Stadtgebiet von Lüneburg.
Am Schluss folgen Fotos von drei Flechten, die aufgrund der Umweltbelastung in Deutschland nur noch sehr selten zu finden, zwei Bartflechten im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide (wahrscheinlich oben die Gewöhnliche Bartflechte Usnea dasopoga und darunter Brauner Moosbart Bryoria fuscescens), die Flechte „Isländisch Moos“ (Cetraria islandica) aus der Umgebung von Lüneburg sowie die gelbe Krustenflechte, die Korallen-Dotterflechte (Candeleriella coralliza), ebenfalls aus dem Naturschutzgebiet.
„Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“
(Ernst Bloch: Tübinger Einleitung in die Philosphie. Frankfurt: Suhrkamp, 1977, S. 13)
Ganz am Schluss folgt dieses Zitat von Ernst Bloch, das er seiner Einleitung in die Philosophie voranstellt, was bei mir, als ich das Buch als Student lesen wollte, dazu geführt hatte, dass ich es erst ein paar Jahre später wieder aufschlug.
Das Zitat umfasst, wenn man so will, Blochs gesamte Philosophie, ausgehend vom einzelnen Menschen, als sich selbst zu formendes Mangelwesen, dem dies im Laufe der eigenen Entwicklung mehr und mehr bewusst wird und der nur durch die Gemeinschaft und Gesellschaft, dem „Wir“, die Vielfalt der Möglichkeiten, die sich einem auftun und die auch das Scheitern in Krisen umfassen kann, bewältigen kann, hin zu einer hoffnungsvollen Zukunft.
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